Steigende Energiepreise und leistungsabhängige Netzentgelte stellen Unternehmen zunehmend vor wirtschaftliche Herausforderungen. Neben dem eigentlichen Stromverbrauch spielt vor allem die maximale Leistungsanforderung eines Standorts eine zentrale Rolle für die Höhe der Energiekosten. Viele Unternehmen unterschätzen diesen Zusammenhang: Schon kurze Lastspitzen können die Stromrechnung eines gesamten Jahres maßgeblich beeinflussen.
Genau an diesem Punkt setzt das Peak Shaving an. Durch gezielte Laststeuerung lassen sich kurzfristige Leistungsspitzen reduzieren, wodurch leistungsabhängige Netzentgelte deutlich sinken können. Insbesondere in Industrie und Gewerbe entwickelt sich Peak Shaving daher zu einem wichtigen Baustein moderner Energiemanagementstrategien.
Was bedeutet Peak Shaving?
Der Begriff Peak Shaving bezeichnet die gezielte Reduzierung von Lastspitzen im Stromverbrauch. Ziel ist es, die maximale Leistungsaufnahme eines Unternehmens zu begrenzen, die am Netzverknüpfungspunkt gemessen wird.
Relevanz hat dieses Thema vor allem für Industrie- und größere Gewerbekunden mit registrierender Leistungsmessung (RLM). Diese wird in Deutschland in der Regel ab einem Jahresverbrauch von etwa 100.000 kWh verpflichtend, sodass für diese Kundengruppe eine viertelstündliche Leistungsmessung erfolgt.
Erst dadurch wird Peak Shaving wirtschaftlich interessant. Denn nur bei RLM-Kunden fließt die tatsächlich gemessene Leistungsspitze direkt in die Berechnung der Netzentgelte ein. In vielen Stromtarifen für diese Industrie- und Gewerbekunden wird ein erheblicher Teil der Netzentgelte über den sogenannten Leistungspreis bestimmt. Dieser orientiert sich an der durchschnittlich höchsten gemessenen Leistung eines Abrechnungszeitraums, meist eines 15-Minuten-Intervalls.
Erreicht ein Unternehmen beispielsweise kurzfristig eine sehr hohe Leistungsaufnahme, kann dieser Wert als Grundlage für die Berechnung der Netzentgelte dienen. Selbst wenn diese Leistung nur einmal im Jahr auftritt, kann sie die Kostenstruktur dauerhaft erhöhen.
Peak Shaving setzt genau hier an: Durch technische oder organisatorische Maßnahmen wird die maximale Leistungsaufnahme gezielt reduziert oder zeitlich verschoben. Die Lastkurve eines Unternehmens wird dadurch geglättet, sodass extreme Verbrauchsspitzen vermieden werden.
Für kleinere Unternehmen ohne RLM-Zähler, also mit reinem Standardlastprofil und verbrauchsabhängigen Tarifen, ist dieser Ansatz in der Regel wirtschaftlich nicht relevant, da dort keine leistungsabhängigen Netzentgelte anfallen.
Warum Lastspitzen hohe Kosten verursachen
Stromkosten für Unternehmen setzen sich grundsätzlich aus drei Hauptbestandteilen zusammen:
1. Energiekosten (Arbeitspreis, €/kWh)
Diese Kosten entstehen für die tatsächlich verbrauchte elektrische Energie. Sie werden vom Energielieferanten (Stromversorger) in Rechnung gestellt.
2. Netzentgelte
Diese werden vom Netzbetreiber für die Nutzung des Stromnetzes erhoben und umfassen mehrere Komponenten:
- Arbeitspreis (€/kWh): für die durchgeleitete Energiemenge (Netznutzung)
- Leistungspreis (€/kW): basierend auf der höchsten gemessenen Leistungsinanspruchnahme (Lastspitze)
- Messstellenbetrieb sowie Messung und Abrechnung: für Betrieb und Bereitstellung der Messtechnik
3. Umlagen und Abgaben
Diese sind gesetzlich geregelt und werden über den Strompreis weitergegeben. Empfänger sind je nach Umlage staatliche Stellen oder spezifische Fördersysteme. Dazu zählen insbesondere:
- KWKG-Umlage (Förderung von Kraft-Wärme-Kopplung)
- Offshore-Netzumlage (Finanzierung von Offshore-Anbindungen)
- Umlage nach § 19 StromNEV (Entlastung stromintensiver Unternehmen)
Entscheidend: Der Leistungspreis
Der Arbeitspreis für Energie bildet den tatsächlichen Stromverbrauch ab und wird vom Energielieferanten berechnet. Zusätzlich fällt ein Arbeitspreis für die Netznutzung an, der ebenfalls je verbrauchter Kilowattstunde erhoben wird und an den Netzbetreiber geht.
Der Leistungspreis ist Bestandteil der Netzentgelte und basiert auf der höchsten gleichzeitig in Anspruch genommenen Leistung (Lastspitze) eines Standorts. Insbesondere bei energieintensiven Unternehmen kann dieser Leistungspreis einen erheblichen Anteil an den gesamten Netzentgelten und damit an den Stromkosten ausmachen.
Typische Ursachen für Lastspitzen sind beispielsweise:
Gleichzeitiges Anlaufen mehrerer Maschinen,
hohe Ladeleistungen für Elektrofahrzeuge,
energieintensive Produktionsprozesse oder
gleichzeitige Nutzung großer Kühl- oder Klimasysteme.
Ohne aktive Steuerung können diese Spitzen den Leistungspreis deutlich erhöhen. Durch Peak Shaving lassen sich diese Effekte jedoch gezielt begrenzen.
Wie funktioniert Peak Shaving in der Praxis?
Peak Shaving ist heute kein statischer Eingriff mehr, sondern ein dynamischer, datenbasierter Prozess. Grundlage ist ein intelligentes Energiemanagementsystem, das Verbrauch, Leistung und Lastverläufe kontinuierlich überwacht. Der Ablauf folgt dabei im Kern drei Schritten:
1. Analyse der Lastprofile
Zunächst wird das Lastprofil eines Unternehmens im Detail ausgewertet. In kurzen Zeitintervallen erfassen Energiemanagementsysteme den Stromverbrauch und machen sichtbar, wann und wodurch Lastspitzen entstehen. So wird klar:
Welche Verbraucher treiben die Leistung?
Wann treten kritische Spitzen auf?
Und vor allem: Wo bestehen überhaupt Eingriffsmöglichkeiten?
2. Prognose und Steuerung
Auf Basis historischer Daten und aktueller Messwerte prognostiziert das System, wann eine Lastspitze droht. Wird ein definierter Schwellenwert erreicht, greifen automatisierte Maßnahmen.
3. Technische Umsetzung: Reduzieren, verschieben oder puffern
An diesem Punkt entscheidet sich, wie die Lastspitze konkret reduziert wird. In der Praxis haben sich drei Ansätze etabliert:
Batteriespeicher stellen kurzfristig Energie bereit und reduzieren den Netzbezug
Lastmanagement verschiebt oder drosselt nicht kritische Verbraucher
Eigenstromnutzung (z. B. PV) wird gezielt zur Entlastung des Netzes eingesetzt
Speicher oder Lastmanagement – was ist der richtige Ansatz?
Auch wenn das Ziel identisch ist – die Reduktion der Spitzenlast –, unterscheiden sich die Wege dorthin grundlegend.
Batteriespeicher setzen auf Entkopplung. Lastspitzen werden abgefangen, ohne dass Prozesse im Unternehmen verändert werden müssen. Der Betrieb läuft weiter wie gewohnt, denn der Speicher arbeitet im Hintergrund.
Lastmanagement setzt auf Steuerung. Verbraucher werden aktiv beeinflusst: verschoben, priorisiert oder temporär reduziert. Das erfordert Eingriffe in Abläufe, bietet dafür aber geringere Investitionskosten.
Die entscheidende Frage lautet also nicht: Was funktioniert besser?
Sondern: Wie viel Flexibilität lässt der eigene Betrieb überhaupt zu?
In der Praxis zeigt sich:
Starre Prozesse → eher Batteriespeicher
Flexible Lasten → eher Lastmanagement
Komplexe Standorte → oft Kombination aus beidem
Beispiel 1: Produzierendes Unternehmen (Batteriespeicher im Einsatz)
In produzierenden Betrieben entstehen Lastspitzen häufig durch das gleichzeitige Anlaufen energieintensiver Maschinen. Oft reichen wenige Minuten, und die Leistung schießt nach oben.
Theoretisch ließe sich gegensteuern: Maschinen zeitversetzt starten, Prozesse entzerren. In der Praxis ist das jedoch selten realistisch. Produktionsabläufe sind eng getaktet, Lieferketten abgestimmt, jede Abweichung kostet Effizienz. Ein Batteriespeicher löst dieses Problem ohne Eingriff in den Betrieb. Er fängt die Lastspitze im Hintergrund ab, automatisch und unauffällig. Die Produktion läuft weiter wie gewohnt.
Das Ergebnis: Die gemessene Netzleistung sinkt, obwohl der tatsächliche Energiebedarf unverändert bleibt. Oder anders formuliert: Die technische Realität im Betrieb bleibt gleich, aber die abrechnungsrelevante Last wird optimiert.
Beispiel 2: Ladeinfrastruktur (Peak Shaving durch Lastmanagement)
Ein anderer Ansatz zeigt sich im Bereich der Elektromobilität. In Gewerbebetrieben oder Logistikzentren laden häufig mehrere Elektrofahrzeuge gleichzeitig. Ohne Steuerung entstehen schnell Lastspitzen im Bereich mehrerer hundert Kilowatt.
Hier setzt intelligentes Lastmanagement an. Ein Lademanagementsystem verteilt die verfügbare Leistung dynamisch auf die Fahrzeuge. Ladeprozesse werden zeitlich verschoben, priorisiert oder bewusst begrenzt.
Der Unterschied zum Batteriespeicher ist grundlegend: Nicht Puffern, sondern Steuern. Nicht Entkopplung, sondern aktive Einflussnahme.
Die Fahrzeuge erreichen in der Regel weiterhin ihr Ziel-Ladeniveau, allerdings nur dann, wenn ausreichend Zeitfenster vorhanden sind.
Wann lohnt sich Peak Shaving?
Peak Shaving ist besonders wirtschaftlich für Unternehmen mit
hohem Stromverbrauch,
stark schwankenden Lastprofilen,
leistungsabhängigen Netzentgelten (typisch bei RLM-Kunden),
vorhandenen oder geplanten Batteriespeichern sowie
Photovoltaik-Anlagen oder flexiblen Verbrauchern.
Ein zentraler, oft unterschätzter Faktor ist dabei die sogenannte Jahresnutzungsdauer (Benutzungsstunden). Unternehmen mit mehr als 2.500 Benutzungsstunden haben in der Regel einen hohen Anteil leistungsabhängiger Netzentgelte. In diesen Fällen ist Peak Shaving besonders attraktiv, da jede Reduktion der Leistungsspitze direkt auf die Kosten wirkt. Klassische Beispiele sind Produktionsbetriebe mit kontinuierlichem Energiebedarf und punktuellen Lastspitzen.
Unternehmen mit weniger als 2.500 Benutzungsstunden zahlen hingegen meist höhere Arbeitspreise pro kWh. Hier steht weniger die Leistungsspitze im Fokus, sondern eher Themen wie Eigenverbrauchsoptimierung oder flexible Strombeschaffung. Peak Shaving kann dennoch sinnvoll sein, allerdings meist nur in Kombination mit weiteren Anwendungsfällen.
Je höher der Anteil des Leistungspreises an den Stromkosten ist, desto größer ist insgesamt das Einsparpotenzial. In vielen Industrie- und Gewerbebetrieben lassen sich durch Peak Shaving 10 bis 20 Prozent der Energiekosten reduzieren. Der tatsächliche Effekt hängt jedoch stark vom Lastprofil, der Netzstruktur und der gewählten Strategie ab, also davon, ob Speicher, Lastmanagement oder eine Kombination sinnvoll eingesetzt werden.
Peak Shaving als Bestandteil moderner Energiesysteme
Im Zuge der Energiewende gewinnen flexible Energiesysteme zunehmend an Bedeutung. Unternehmen betreiben immer häufiger eigene Photovoltaikanlagen, Batteriespeicher oder Ladeinfrastruktur.
Damit entstehen neue Möglichkeiten zur intelligenten Steuerung von Energieflüssen. Peak Shaving wird dadurch zu einem zentralen Bestandteil moderner Energiemanagementsysteme.
In Kombination mit weiteren Optimierungsstrategien lassen sich zusätzliche Potenziale erschließen, etwa durch:
Eigenverbrauchsoptimierung von PV-Strom
dynamische Stromtarife
Lastverschiebung in günstige Marktzeiten
Integration von Batteriespeichern
Fazit
Peak Shaving ist ein wirksames Instrument, um leistungsabhängige Stromkosten zu reduzieren und Lastprofile zu stabilisieren. Durch die gezielte Glättung von Lastspitzen können Unternehmen ihre Netzentgelte senken und gleichzeitig die Effizienz ihrer Energieinfrastruktur steigern.
Mit intelligenten Energiemanagementsystemen lassen sich diese Prozesse automatisiert steuern. Besonders in Kombination mit Batteriespeichern, Photovoltaikanlagen und Ladeinfrastruktur entstehen so flexible Energiesysteme, die wirtschaftliche Vorteile mit einem nachhaltigen Energieeinsatz verbinden.
